Die grosse Dummheit
Meinungsartikel oder Erfahrungsbericht
- Dieser Artikel entspricht der persönlichen Meinung oder ist ein persönlicher Erfahrungsbericht von Alexander Moshe
- Es ist daher möglich, dass der Verein offiziell eine andere Meinung hat.
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Das grösste Problem der ganzen Menschheit ist die Kombination aus Egoismus, Ignoranz, Autoritarismus, Vorurteile, kognitive Dissonanz, Denkfaulheit, Verdrängung, Gruppendynamik, zur Mehrheit gehören zu wollen und beliebt sein zu wollen, keinen Ärger haben wollen, usw.
Dies fasse ich zusammen als "das grosse Problem" oder "die grosse Dummheit", da wir ohne dieses Problem heute weltweit im Paradies leben würden.
Wie zeigt sich "die grosse Dummheit"?
Wenn man normalen Bürgern erzählt, dass die Justiz in der Schweiz systematisch Amtspersonen vor Strafverfolgung schützt, wird man als Verschwörungstheoretiker abgetan oder es heisst so was wie "Wenn du nicht bis vor Bundesgericht gegangen bist, bist du selber schuld. Wenn du bis vor Bundesgericht verloren hast, warst du halt nicht im Recht".
Dass es aber Leute gibt, die einfach nicht die psychische Energie für den Gang vors Bundesgericht haben, und dass das Bundesgericht sogar das willkürlichste Gericht der Schweiz ist, verstehen diese Leute nicht. Edmund Schönenberger hat fast 30 Jahren schon mal untersucht und herausgefunden, dass das Bundesgericht rund 88% aller eingehenden Beschwerden wegen mangelnder Begründung abweist. Auch erfahrene Rechtsanwälte schaffen es nicht, eine Beschwerde genügend zu begründen für das Bundesgericht.
Das Bundesgericht bricht immer wieder das Gesetz, in dem es einen Gesetzestext entgegen dem Wortlaut anwendet, oder in dem es eben die Beschwerde nicht genügend begründet findet, ohne dass es dabei erklärt, was denn besser hätte begründet werden können und wie genau.
Das ist auch keine Verschwörungstheorie, sondern kann man sich von jedem Strafverteidiger in der Schweiz bestätigen lassen.
Daher will ich mit dem Verein auch das Verständnis der Leute für solche Vorgänge stärken.
Dazu kommt noch, dass viele Leute zB bei Videos übermässiger Polizeigewalt (in Online-Zeitungen oder auch auf YouTube, etc) Dinge kommentieren wie "selbst schuld", "er hätte halt keine Straftaten begehen sollen", oder "ich finde es gut, dass die Polizei hart durchgreift" oÄ. Das heisst, die Leute haben eine willkürliche Definition der Polizeiarbeit, obwohl des demokratisch beschlossen wurde, dass alle staatlichen Organe als Grundlage ihres Handeln stets ein Gesetz benötigen und das Gesetz auch die Grenzen definiert. In der Praxis kümmert das viele Leute nicht mehr.
Auch habe ich beobachtet, dass die Leute ein inneres grundlegendes Vertrauen in den Staat und die Behörden haben, dass so weit geht, dass alles geglaubt wird. Wenn ich von einem Polizeiübergriff berichte, heisst es dann sarkastisch und herablassend "ja ja, wer's glaubt" oder "ja genau, erzähl noch mehr mist".
Da manifestieren sich zahlreiche psychologische Phänomene wie zB kognitive Dissonanz (würde man glauben, dass Beamte so viel unrechtmässig handeln, würde es dem eigenen Weltbild widersprechen, also muss man es verdrängen, damit das Weltbild nicht beschädigt wird).
Oder auch eine gewisse Form des Autoritarismus, wenn sich Leute unbewusst nach starken Führern (oder eben einer starken Polizei) sehnen.
Dann sind Dinge wie Gruppendynamik und die Angst, ausgeschlossen zu werden unbewusst sehr stark, so dass man sich lieber einredet, dass ich der Spinner bin und man pauschal ausschliesst, dass die Polizei oder andere Beamte illegal handeln. Weil dann würde man im eigenen Freundeskreis nicht mehr ernst genommen werden, und zudem glaubt man aufgrund der Gruppendynamik, dass die eigenen Freunde wohl auch eher der Polizei glauben würden und die werden sich nicht alle irren.
Schlussendlich geht es auch um Vorurteile. Schon Alber Einstein soll vor 90 Jahren gesagt haben "Ein Vorurteil ist schwieriger zu spalten als ein Atom" (damals ging es um Atomspaltung zur Herstellung der ersten Atombomben und die Atomspaltung ist ein sehr komplexer Prozess).
Menschen lügen sich lieber selber an und denken sich eine passende Geschichte aus, die ihre Vorurteile bestätigt (hat auch mit kognitiver Dissonanz zu tun, das Gehirn versucht, das eigene Weltbild zu erhalten), als sich mit den Fakten auseinander zu setzen. Es ist schmerzhaft sich selber einzugestehen, dass man nicht recht hatte und dass das eigene Weltbild nicht stimmt.
Es gibt genügend Experimente, die durchgeführt wurden wo zB jemand einen Fragebogen ausfüllen musste und es ging ein lauter Feueralarm los. Eigentlich könnte das Lebensgefahr bedeuten. Wenn die Person alleine war, steht sie auf und verlässt den Raum. Wenn aber andere Leute im Raum sind (die zum Experiment gehören und extra ruhig sitzen bleiben), bleibt die Versuchsperson (die nichts vom Versuch weiss) auch sitzen und schaut sich nur um und fragt vielleicht jemanden, ob man nicht raus gehen sollte, bleibt aber am Schluss sitzen.
Es gibt ja auch Studien, wonach über 70% aller Autofahrer sich für überdurchschnittlich gute Autofahrer halten. Viele Leute überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten und unterschätzen andere Leute, insbesondere wenn die anderen Leute, insbesondere wenn diese Leute kein hohes Ansehen geniessen.
In der Psychiatrie gab es das Rosenhan-Experiment, wo ein Professor seine Studenten in psychiatrische Kliniken schickte, wo sie Symptome der Schizophrenie vorspielen sollten. Die Psychiater stellten dann alle falsche Diagnosen und glaubten, dass die Studenten psychisch krank wären.
Als Professor Rosenhan ankündigte, das Experiment erneut durchzuführen, erkannten in der Folge zahlreiche psychiatrische Anstalten die falschen Studenten und wiesen diese ab. Das Problem war aber, dass Rosenhan dieses mal gar keine Studenten mit falschen Symptomen mehr in die Kliniken geschickt hatte. Statt dessen wiesen die aufnehmenden Psychiater echte Patienten ab, die sei fälschlich für Simulanten hielten.
Es heisst immer, heute würde das nicht mehr funktionieren, aber die Psychiatrie ist nicht so viel besser geworden und Psychiater haben immer noch Vorurteile. Ich bin davon überzeugt, es würde auch heute noch genau so gut funktionieren. (Das ist wieder so ein psychologischer Mechanismus, dass die Leute sich einreden müssen "das war früher, heute ist das zum Glück nicht mehr so").
So ist das menschliche Gehirn eben gestrickt, man begibt sich lieber in Lebensgefahr (beim Experiment mit dem Feueralarm weiter oben), statt sich gegen die Gruppe zu stellen. Das war aus evolutionärer Sicht sicher ein Vorteil, in der Gruppe überlebt man länger und die Mehrheit kennt meist den besseren Fluchtweg.
Aber solche Verhaltensmuster, die solche Gruppendynamiken stützen und auf Autoritätspersonen hören, sind halt falsch bei der Beurteilung von Problemen im Staat.
Es gibt einem auch Sicherheit, wenn man davon überzeugt ist, dass das eigene Weltbild stimmt.
Daher habe ich auch schon von Opfern von Willkür gehört "ja das ist halt normal so" oder "ja, das war schon nicht gut, aber ich will ja keinen Ärger". Da wären wir beim Verdrängungsmechanismus angelangt: Es ist einfacher unpassende Fakten zu verdrängen, als sich damit auseinanderzusetzen.
Daniel Kahnemann hat im Buch "Langsames Denken, Schnelles Denken" solche Dinge sehr gut beschrieben.
Sinngemäss geht es im Buch darum, dass Leute lieber nach Gefühl urteilen (schnelles Denken), weil das Gehirn rasch etwas einschätzen kann, was im Alltag sehr nützlich ist. Die Sache zu analysieren und logisch zu denken dauert länger (langsames Denken) und ist sehr anstrengend, deshalb vermeidet das Gehirn das wenn immer möglich.
Es sind diese Mechanismen, die nicht nur bei normalen Menschen so wirken, sondern denen eben auch Staatsanwälte und Richter unterliegen.
Und wir müssen etwas dagegen tun, damit weniger Leute von Amtsträgern schikaniert werden. Selbst wenn es nur 1% der Bevölkerung betrifft, so sind das doch alleine in der Schweiz fast 100'000 solcher Opfer von staatlicher Willkür. Und vielleicht sind es auch 5% oder 10%, die so was schon mal erlebt haben, dann könnten es fast 1 Million Menschen sein.
Dummheit in Demokratie
Ich finde es manchmal erschreckend, wie dumm Leute argumentieren und ich denke dann "von diesen Leuten gibt es tausende bis Millionen im deutschsprachrigen Raum und die haben das gleiche Stimmrecht wie ich".
Ob das jetzt Online-Kommentare sind, wo ultra-harte Strafen für alles mögliche gefordert werden, oder sonst einfach völlig falsche Annahmen...
Gerade in der Schweiz, wo wir pro Jahr über rund 10 Themen abstimmen (an 4 Terminen im Jahr), wundert es mich, wie oberflächlich die Leute informiert sind und was die Leute für Quatsch erzählen.
Ein persönliches Beispiel von einem Kumpel von mir, der Polizist werden wollte, aber an 3 Orten äusserst knapp und teilweise willkür abgelehnt wurde möchte ich hier wiedergeben.
Ich erhielt in Zürich von der Polizei eine Wegweisung (Platzverweis) für "lebenslänglich". Dies ist rechtlich gar nicht zulässig, trotzdem wurde es gemacht. Das ist ein anderes Thema (wie wann wieso).
Aber mein ehemaliger befreundeter Mensch meinte dann, die dürfen das. Er fände es zwar nicht gut, aber das sei halt Bürokratie. Ich versuchte ihm zu erklären, dass für Wegweisungen (Platzverweis in der Schweiz) damals gar keine gesetzliche Grundlage gab. Heute darf die Polizei zwar Leute wegweisen (platzverweis erteilen), aber nur für maximal 14 Tage und nicht lebenslänglich. Vor Schaffung dieses Gesetzes hingegen gar nicht.
Ich erklärte ihm, dass die Polizei bei sowas strikte ans Gesetz gebunden ist (Platzverweis nur mit gesetzlicher Grundlage). Seine Antwort "Ja das ist eher so theoretisch, im Einsatz kann man sich ja nicht ans Gesetz halten".
Er findet also allen Ernstes, die Polizei müsse sich während eines Einsatzes nicht ans Gesetz halten. Und wir reden hier nicht von einer Schiesserei oÄ, sondern von einer kleinen linken Demo von 6 Leuten, die dann von 12 Polizeibeamten umstellt und kontrolliert wurden. Und dieser lebenslängliche Platzverweis wurde davor im Büro besprochen (wir haben die Mini-Demo jede Woche durchgeführt, daher wusste die Polizei im Voraus, an welchem Tag wir wieder dort stehen würden).
Mich nervt es einfach, dass jemand, der fast Polizist geworden wäre, ernsthaft der Meinung ist, im Einsatz gelte das Gesetz nicht und Wegweisung/Platzverweis könne auch lebenslänglich ohne gesetzliche Grundlage ausgesprochen werden.
Er hat auch bei anderen Dingen eine komische Meinung, verdreht zB die Augen, wenn ich ihm sage, dass Polizisten sich strafbar machen, wenn sie in schriftlichen Dokumenten, die als Beweise in einem Strafverfahren genutzt werden, vorsätzlich lügen (er erzählte mir, dass er eine Polizeibeamtin kennt, die zum Lügen gedrängt wird, weil ihre Kollegen in einem Bericht falsche Angaben zur Beweisbeschaffung gemacht haben).
Er findet, dass die Lügen sei vielleicht nicht gut, aber sicher nicht strafbar (bei uns sehr wohl als Urkundenfälschung strafbar).
Das sind nur Beispiele, die ich erlebt habe.
Oder in der Schweiz hat das Bundesgericht (unser höchstes Gericht) das Polizeigesetz eines Kantons (Bundesland) teilweise für ungültig erklärt, weil es teilweise gegen die Bundes-StPO und die Verfassung verstosse.
Als ich in einem Forum online erwähnte, dass in der Schweiz teilweise verfassungswidrige Gesetze beschlossen werden, meldete sich einer, ich hätte null Ahnung, er arbeite seit Jahrzehnten im Bereich der Gesetzgebung und sowas könne gar nicht passieren, ich hätte offensichtlich null Ahnung davon, wie die Gesetzgebung funktioniere.
Tja, unser höchstes Gericht sieht das aber anders. Da denke ich mir "einer der sowas offensichtlich falsches behauptet, arbeitet selber an Gesetzesentwürfen mit? Das finde ich beängstigend".
Oder wenn ich über Polizeigewalt berichte oder darüber, dass eine Beschwerde gegen die Polizei in der Schweiz aussichtslos ist, werde ich sofort als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, obwohl mein Gesprächspartner (meist online) selber null Ahnung von rechtlichen Dingen hat.
Ich sehe einfach sehr oft, wie dumm die Leute argumentieren und wie wenig Ahnung die haben. Aber vor allem sind die Leute mega von sich überzeugt, auch bei Themen, wo ich tausend mal mehr Ahnung habe, aber lieber will man seine Vorurteile durchsetzen, anstatt mal zuzuhören.
Ich weiss, dass ich die Leute nicht ändern kann. Aber der Gedanke, dass jeder Idiot gleich viel Macht und Stimmrecht hat wie die besser informierten und wenn man bedenkt, dass die Idioten in sehr hoher Anzahl vorhanden sind, habe ich echt Angst.
Das grosse Problem
Das ganz grosse Problem dabei ist nun dies: Wir sind alle im Alltag davon abhängig, dass unsere Mitmenschen ein gutes Urteilsvermögen haben und dass gewisse Spielregeln eingehalten werden. Ansonsten würde die Gesellschaft nicht mehr funktionieren. Die beschriebene grosse Dummheit führt aber dazu, dass dies nicht mehr funktioniert.
Wenn Polizeibeamte einen Straftäter bei einer Verhaftung verletzen, wird das gutgeheissen, obwohl damit die Spielregeln (Strafgesetz, Polizeigesetz, Menschenrechte) verletzt werden. Und die Leute können oder wollen das nicht sehen.
Die oben beschriebene grosse Dummheit ist der Hauptgrund für Ungerechtigkeit, Mobbing, Krieg, Straftaten, etc.
Vereinfacht kann man sich das vorstellen wie in einem Brettspiel, beispielsweise Schach. Zwei Personen, nennen wir sie Alice und Bob, spielen Schach. Alice ist am Verlieren und nimmt einfach alle ihre verlorenen Figuren wieder ins Spiel, in dem sie sie aufs Brett stellt. Es wäre jedem klar, dass es so kein faires Spiel mehr sein kann und dass es ein Regelbruch ist.
In der Realität geschieht genau dasselbe durch die Polizei und die Regierung und viele Leute sagen sinngemäss "Alice würde sonst verlieren, Bob ist selber schuld, wenn er so spielt, dann muss Alice sich nicht an die Regeln halten. Zudem wäre es auch viel zu kompliziert, wenn Alice bei jedem einzelnen Zug ständig an jede einzelne Regel denken müsste."
Dass dies so völlig absurd wäre, wird sofort klar. Aber in realen Situationen handeln die Leute genau so wie Alice bzw verteidigen das verhalten. Und das gefährdet die Demokratie. Denn wenn in der Demokratie die Mehrheit undemokratisch denkt oder die Spielregeln und der Demokratie nicht versteht, wird es gefährlich.
Würden die Leute aufhören, dieser grossen Dummheit zu verfallen, wäre die Schweiz bzw jedes Land der Erde fast ein Paradies.